Glocken für Varaždin

baskafan

Adriasüchtiger
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#1
Hier mal kein Urlaubsbericht.

Im Jahre 1979 bekam unsere Pfarrkirche drei neue Glocken (Bronze). Bei der feierlichen Einsegnung verkündete unser Pfarrer, dass die alten Stahlglocken nach Varaždin kommen würden. Die Franziskanerpatres die von unserer Bezirkshauptstadt aus die Gastarbeiter aus Jugoslawien betreuten hatten darum gebeten. Denn ihrer Klosterkirche in Varaždin war das Geläute im Krieg abhanden gekommen. (Glocken für Kanonen) Geld für eine Erneuerung war nicht vorhanden.
Als ich das hörte klingelten bei mir die Glocken – Jugoslawien – das Land in dem ich meine schönsten Urlaube verbracht hatte.
Ich ging zum Pfarrer und fragte: Wie kommen die Glocken nach Varaždin? Er meinte, sie werden sich die Glocken schon abholen, wenn sie sie wollen. Darauf machte ich den Vorschlag: Wenn die Glocken schon ein Geschenk sind, dann sollten wir sie auch überbringen. Ich konnte mir schlecht vorstellen wie die Patres den Transport von Kloster aus organisieren sollten. Die Speditionskosten wären auch nicht unerheblich für die Mönche. Wenn wir dies mit Privatautos machen fielen nur Treibstoffkosten an. Diese Idee fand Anklang.

Unser Tischlermeister stellte seinen Kleintransporter samt Fahrer (sein Sohn) kostenlos zur Verfügung.

Um die Einfuhrbedingungen und Zollvorschriften zu erfragen fuhr ich zur jugoslawischen Botschaft nach Wien. Dies war ganz unnötig, denn als die uniformierte Kommissarin von meinem Anliegen hörte, dass wir Glocken für ein katholisches Kloster nach Varaždin bringen wollen, wurde ich fast förmlich hinausgeschmissen. Varaždin liege in Kroatien und für die Kirchen seien sie auch nicht zuständig. Damals wurde mir bewusst, dass Kroatien und Jugoslawien nicht unbedingt das gleiche ist. Die Exportabteilung unserer Firma schlug vor: fahrt einfach zur Grenze, dort gibt es Speditionsbüros die helfen euch weiter und so war es auch. Als Warenwert wurde der Schrottpreis für Stahl eingesetzt – und die Verzollung wird im Zollamt von Varaždin durchgeführt werden.

Wir warteten den Winter ab. (Schneefahrbahnen und Glatteis waren nicht unser Ding) Im März 1980 war es dann soweit, die Verladung der Glocken führte der örtliche Baustoffhändler mit seinem Stapler durch.







Die Fahrt war ohne Probleme. An der Grenze wurde der Wagen von den Zollbeamten verplombt. Donnerstag nachmittags kamen wir bei den Franziskanern (Franjevački samostan) an und wurden sehr herzlich empfangen. Als erstes wurden wir kulinarisch verwöhnt, dann erkundeten wir die Stadt. Die Verzollung war für den nächsten Tag vorgesehen. Varaždin entpuppte sich als ein Juwel mit sehr vielen Sehenswürdigkeiten. Schlafen durften wir je in einer schlichten Mönchszelle in der Klausur. Ein ganz neues Erlebnis für uns.









Freitag früh fuhren wir mit dem Klein-LKW zum Zollabfertigungslager etwas außerhalb von Varaždin. Wir waren ziemlich die ersten vor Ort. Man deutete uns, wir sollten beim Auto warten, bis sie uns aufrufen. Später kamen andere LKWs die verhältnismäßig bald abgefertigt wurden. Stunden vergingen – uns lies man links liegen. Es wurde Mittag und noch immer keine Reaktion. Jetzt dämmerte uns: Vielleicht hätten wir Schmiergeld beilegen sollen, aber wir hatten nur Geld für Treibstoff dabei und außerdem wollten wir uns auch gar nicht erpressen lassen. Wir befürchteten schon, dass wir das ganze Wochenende hier festsitzen. Doch endlich eine viertel Stunde vor Dienstschluss (14 Uhr) kam ein Beamter (Ich glaube es war der Chef persönlich) und führte die Amtshandlung durch. Er hatte doch Erbarmen mit uns. Danke

Nach dem verspäteten Mittagessen konnten wir endlich wieder die Stadt besichtigen. Übrigens: Die Klosterküche war ausgezeichnet, ich vermute der Küchenmönch wollte uns zeigen zu was er alles imstande war. (Er kochte wahrscheinlich ebenso mit Herz wie unser Vize2)
Unter anderen wollten wir auch Varaždin von oben sehen, dazu müssten wir auf den Kirchturm. Der Küster war davon gar nicht erfreut, das irritierte uns, wieso ist er so dagegen? Bis sich herausstellte – er hat unheimliche Höhenangst – So stiegen wir allein hinauf und genossen den herrlichen Rundblick.
Wir erfuhren auch, dass es einen der schönsten Friedhöfe Europas in dieser Stadt geben sollte. Natürlich waren wir auch dort – er ist wirklich schön und unbedingt einen Besuch wert. Was mir damals auch aufgefallen ist, dass es zwei gleich große Aufbewahrungshallen nebeneinander gegeben hat. Eine mit Kreuz die andere mit rotem Sowjetstern als Glaubenssymbol. Ebenso hatten die Gräber eines der beiden Zeichen auf den Grabsteinen für ihr jeweiliges Glaubensbekenntnis verewigt. Jetzt würde mich interessieren ob das heute auch noch so ist.


> > >



Samstag waren wir wieder im schönen Varaždin unterwegs. Als wir mittags hungrig im Kloster wieder auftauchten, waren die Glocken von einheimischen Helfern schon abgeladen.



Vor der Verabschiedung überreichte uns der Prior (Guardian) zur Erinnerung je einen schönen Bildband von Varaždin mit einer persönlichen Widmung. Damit habe ich heute noch große Freude. Zum Abschied verwöhnte uns der Bruder aus der Küche mit seinen Köstlichkeiten und ausgiebigen Lunchpaketen für unterwegs. (Diese sorgten auch daheim noch für Furore)



Einige Wochen später kam eine Einladung an unsere Pfarre aus Varaždin zur Glockenweihe. Ein ganzer Autobus wurde zusammengestellt – natürlich wollten wir beiden Überbringer auch mit dabei sein. Als wir im Kloster ankamen waren die Glocken fast nicht mehr zu erkennen – sie waren vom jahrelangen Taubenkot befreit und geputzt und auf Glanz gebracht.



Der feierliche Gottesdienst in der Klosterkirche war ein Erlebnis. Die große Kirche war so voll Gläubigen, dass viele sogar hintern Altar Platz nehmen mussten und sogar der Platz vor der Kirche war überfüllt. Umfallen konnte keiner so gedrängt war alles. Bei uns sind nicht einmal zu Weihnachten so viele Leute in der Kirche, obwohl in Varaždin damals keinerlei offizielle Ankündigung gemacht werden dürfte. Danach war ein Stadtbummel am Programm.




Bei der Heimfahrt begleitete uns ein Mönch in Zivilkleidung (außerhalb des Klosters hatten die Mönche in Ordenstracht mit Repressalien zu rechnen) zum Schloss Trakošćan wo wir noch eine schöne Besichtigung machten.


Jahre später machten meine Frau und ich nach einem Adriaurlaub in Ika/Ičići auf der Heimfahrt einen Abstecher nach Varaždin. Das Kloster hatte inzwischen einen anderen Prior aber alle Brüder konnten sich gut an mich erinnern und hießen uns herzlichst willkommen. Wir konnten auch den Klang von den, aus unserer Kinder- u. Jugendzeit, vertrauten Glocken wieder hören. Der Bruder aus der Küche freute sich uns erneut verwöhnen zu dürfen. Die Nacht konnten wir natürlich nicht in der Klausur verbringen, aber das Hotel bot dafür jeden erdenklichen Komfort.



Das ist zwar kein Urlaubsbericht, aber für mich war es ein nettes Kroatien-Erlebnis.

Liebe Grüße Hannes


PS.: Übrigens wer wirklich gute Fotos aus Varaždin sehen will, kann sich die Bilder von Christl im Fotoforum oder in ihren Reisebericht aus 2009 anschauen.

http://www.adriaforum.com/kroatien/die-barockstadt-varazdin-t55546/

http://www.adriaforum.com/kroatien/schloss-varazdin-t55693/
 

Andi Bolle

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#2
Danke Hannes, für den interessanten Bericht!
Ich bin beeindruckt von Eurem Engagement. Als ob es normal und
logisch ist, mal eben Glocken nach Jugoslawien zu bringen.
Weil die halt da hin müssen, egal wie.
Und wieder gefallen mir auch die alten Fotos dazu.

Tolle Geschichte!

Gruß
Andi
 
V

vize2

Guest
#3
Hallo Hannes

Wieder ein hervorragender Beitrag von dir!
Wer zu der Zeit mal in Jugoslavien war, kann sicherlich das Ausmass der Aktion nachempfinden.
Bei diesem Abenteuer wäre ich gerne dabeigewesen...

P.S.: Danke für dein nettes Lob!

Viele Grüsse
Viktor
 

Christl

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#4
Hallo Hannes,

danke für deinen Bericht. Diese Stadt ist so wunderschön und es ist interessant, darüber zu lesen, wie es früher war.

und danke für dein Engagement, das zu dieser Zeit ja nicht alltäglich war.

ich habe die beiden Links zu Varaždin drangehängt
 
E

Enigma

Guest
#5
Schöner Bericht und sicher ein unvergessliches Erlebnis. Besonders auch die alten Fotos haben mich neugierig auf Varaždin gemacht.

Gruß Alex
 

cfuchs

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#6
Hallo Hannes!
Ich freue mich und Bedanke mich auch für diesen Bericht - denn ich habe da ja schon einige Dinge von diesem Transport vergessen. Für mich war es ein einmaliges Erlebnis, für kurze Zeit, das Leben von Mönchen in einem Kloster kennen zu lernen. Obendrein, wie du ja
schon erwähnt hast, hatten sie einen hervorragenden Koch.
Diese Fahrt nach Varaždin und die freundlichen Leute werden immer in meiner Erinnerung bleiben.
Ich als der damalige Fahrer bedanke mich für diese Dokumentation!
Beste Grüße
Christian
 

baskafan

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#7
Hallo Christian!
Das war damals schon ein tolles Erlebnis. Freut mich, dass es dir auch in guter Erinnerung geblieben ist, obwohl inzwischen schon über 30 Jahre vergangen sind. Hast du dich extra im Forum angemeldet oder bist du sowieso ein Adria-Liebhaber? Dieses Forum gefällt mir persönlich sehr gut und bin fast jeden Tag am Schauen was es neues gibt. Die Zeit bis zum nächsten Urlaub ist ja noch soooo lange.
Jedenfalls liebe Grüße
Hannes
 

baskafan

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#10
Zeitungsbericht

Unsere Regionalzeitung >Bezirksblätter< brachte in ihrer Ausgabe vom 21.Dezember 2011 auf Grund meines Reiseberichtes im Adriaforum folgenden Artikel:






Einige Leser haben mich darauf angesprochen und gemeint >Varazdin - da werden wir auch mal hinfahren<

Beste Grüsse
Hannes
 

stevendschi

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#11
Hallo Hannes,

vielen Dank für den tollen Bericht und Euer Engagement damals.

Varazdin ist echt eine schöne Stadt und absolut eine Reise wert....

Grüße,
stevendschi
 
F

Franto

Guest
#12
Bin zufällig über diesen sehr bewegenden Bericht gestoßen. Diese Stahlglocken waren während des Ersten Weltkrieges nach 1917 ein Ersatz für die alten Bronzeglocken, die das kuk Kriegsministerium schon seit 1916 (?) demontieren, ein- und umschmelzen ließ um zu Patronen- und Granatenkartuschen "recycliert" zu werden.

Die Ersatz-Stahlglocken wurden in Kapfenberg/Steiermark im Gußstahlwerk Gebr. Böhler & Co AG gegossen. Nun ja, nicht nur die Kirchenglocken mussten daran (an den "Sieg unserer heiligen Waffen" ;-)) glauben. Auch eine Aktion "Gold gab ich für Eisen" lief schon ab 1916: Für das Abliefern/Verkauf von Goldschmuck, Goldmünzen usw. bei den offiziellen Ankaufstellen gab es zu den (Papier-)Kronen*) eiserne Ehe-Ringe mit eben dieser Aufschrift: "Gold gab ich für Eisen". Das Gold wurde für die Beschaffung von Devisen (speziell in der Schweiz) für den Import von rüstungsstrategischen Gütern (Instrumente und hochwertige Gerätschaften, strategische Metalle wie Chromerz usw.) aus dem noch zugänglichen neutralen Ausland benötigt...

Bitte sehr, das war im 1. Weltkrieg - nicht Anno Adolf dem Braunen später....

*) Zum Verständnis: Die "Krone" war seit 1892 die neue offizielle Währung der kuk Monarchie. Zwei Kronen entsprachen einem Gulden, der zuvor geltenden historischen Währungseinheit in Ö-U.
 

baskafan

Adriasüchtiger
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#13
Hallo Franto !
In welchen Krieg die Glocken abhanden gekommen sind, kann ich nicht sagen aber es wird schon so sein wie Du es hier beschrieben hast.
Danke für die ausführliche Aufklärung.
 
F

Franto

Guest
#14
Hallo Franto !
In welchen Krieg die Glocken abhanden gekommen sind, kann ich nicht sagen aber es wird schon so sein wie Du es hier beschrieben hast.
Danke für die ausführliche Aufklärung.
In einer Geschichte der Firma Böhler bzw. Biographie des damaligen Werksdirektors sind die Lieferungen der stählernen "Ersatz"-Glocken im Ersten Weltkrieg beschrieben. Die erste gegossene Glocke der folgenden Serienproduktion spendete Böhler der Kirche in Kapfenberg.
 

diavolo rosso

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#15
Hallo Hannes,

ich habe Deine Geschichte jetzt zum zweiten Mal gelesen. Und sie war noch genauso spannend wie beim ersten Mal.

Danke für diesen bewegenden Beitrag. Das sind Berichte von Dir, die ich besonders schätze.

liebe Grüße
Klaus
 

diavolo rosso

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#17
Hallo Larisa,

es gibt keine Zufälle im Leben. Daß Dir dieser Beitrag von Hannes übrhaupt "begegnet" ist war Deinem persönlichen Interesse zu zu schreiben.

liebe Grüße
Klaus
 

Heiko705

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#18
Ja, glaubst Du's denn? Was der Hannes schon alles so gemacht hat. Alle Achtung! Schöner Bericht!

Hannes, die "Muse" Christine sagte, als ich Ihr von dem Bericht erzählte, Du seist ein "Held"!!!
 
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