die Torpedo Abschußstation in Rijeka

claus-juergen

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#1
Was ist denn das wird sich so mancher fragen?

Die Abschussrampe aus den 1930er Jahren ist Teil einer stillgelegten Fabrik zur Herstellung von Torpedos. Sie ist Zeugnis der technischen Erfindungsgabe Rijekas seiner Zeit, gleichzeitig ein weltweit bedeutendes Wahrzeichen des industriellen Erbes. Die Torpedofabrik entstand aus den Gedankenspielen von Giovanni Luppis aus Rijeka über eine Abwehrwaffe, genannt „Retter der Küste“. Luppis beschäftigte sich mit der Idee Anfang der 1860er, ohne Erfolg. Glücklicherweise interessierte sich Robert Whitehead, Direktor der technischen Anstalt Rijeka (Stabilimento tecnico fiumano), dafür.

Basierend auf der Idee von Luppis, entwickelt Whitehead eine Lösung ähnlich einem metallenen Fisch und nennt diesen Torpedo. Der Prototyp wurde im Jahr 1866 erprobt. Stabilimento formierte sich im Jahr 1875 zur Torpedofabrik R. Whitehead & Co. Dies ist die erste Torpedofabrik auf der Welt. Die Rampe aus den 1930er Jahren hat das Abschießen von Projektilen von Schiffen und aus Flugzeugen simuliert.

aus

http://www.visitrijeka.eu/de/was_sehen/sehenswurdigkeiten/torpedo_abschussstation

Als ich vor einiger Zeit das erste Mal von dieser Einrichtung erfahren habe, war die Neugier in mir geweckt. Ich habe herausgefunden, daß die Ruine des Gebäudes am nördlichen Ende der Straße Milutina Baraca zu finden sein müsste und so haben wir uns neulich auf die Suche nach der Ruine gemacht.



Einen direkten Zugang von der Straße gibt es nicht.



Ein kurzes Gespräch mit dem Wachtposten im Container rechts der Schranke und wir durften auf das Gelände gehen. In den Hallen sind verschiedene Gewerbebetriebe untergebracht.



Gegenüber befindet sich diese Villa. Da bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts direkt neben der Abschußstation eine Fabrik bestand, die Torpedos herstellte, ist es denkbar, daß in der Villa vielleicht die Verwaltung residierte oder vielleicht sogar der erste Inhaber Robert Whitehead und seine Familie.

Links vom Eingang zum Gelände befindet sich ein Cafe in welchem wir nach der Besichtigung nicht nur ein kühles Blondes getrunken, sondern auch ein paar Bilder der Torpodofabrik gesehen haben.









Schauen wir uns die Abschußstation doch mal aus der Nähe an.







Überall Durchbrüche im Boden. Da muß man aufpassen um nicht ein unfreiwilliges Bad im Meer zu nehmen.










Wieso mußten die Torpedos überhaupt zu Testzwecken abgeschossen werden?

Getestet wurden sowohl die Antriebsarten

https://de.wikipedia.org/wiki/Torpedo#Antriebsarten

als auch die Steuerung und Stabilisierung

https://de.wikipedia.org/wiki/Torpedo#Lenkbarkeit



Man schoß die Torpedos aus der Luft ins Meer oder startete sie gleich unter Wasser.






Wir kennen den Torpedo heute als reine Angriffswaffe. Dabei war er von Luppis und Whitehead eigentlich zur Küstenverteidigung auf die Distanz gedacht.



So eine Metallröhre wog sicherlich ein paar Zentner. Einsatzbedingungen konnten ja nur mit Dummies mit dem selben Gewicht getestet werden. Ob von hier aus auch scharf auf vor der Küste befindliche Ziele geschossen wurde, ist mir nicht bekannt.

Jedenfalls wurden die Torpedos mechanisch nach oben oder unten befördert und dann gings ab ins Meer.



Die Abschußrampen hatten wohl je nachdem wie der Test verlaufen sollte verschiedene Eigenschaften.




"Die ersten schraubengetriebenen Torpedos wurden von Giovanni Luppis (kroat. Ivan Lupis), einem österreich-ungarischen Marineoffizier, entwickelt und gebaut. Die Schraube wurde dabei durch Federkraft betrieben, die Steuerung erfolgte mittels Seilzügen von Land aus. Die Präsentation erfolgte 1860 in Fiume an der Nordadria im heutigen Kroatien.


Aufbau des Whitehead-Torpedos. In der Spitze (links) befindet sich die Sprengladung. Das Mittelstück wird vom Druckbehälter eingenommen. Dahinter liegt der Motor, der zwei gegenläufige Schrauben antreibt. Letztere sind von Flossen umrahmt.
Als Vorbild für Prinzip und Aufbau moderner Torpedos gilt aber der sogenannte Whitehead-Torpedo, der nach seinem Erbauer, dem englischen Ingenieur Robert Whitehead, benannt wurde. Whitehead entwickelte zusammen mit Luppis den Torpedo für die österreichische Marine weiter und führte ihn 1866 in Fiume vor. Dieser Torpedo trug eine 9 kg schwere Sprengladung in der Spitze, hatte eine Reichweite von 300 bis 400 Metern und erreichte eine Geschwindigkeit von 6 Knoten. Als Energiequelle für den Antrieb diente auf 40 kp/cm² verdichtete Luft, die in einem Druckbehälter mitgeführt wurde."

(aus Wikipedia)

Gebaut hat man diese Abschußstation deshalb, weil der Torpedo so konstuiert werden mußte, daß er knapp unter der Wasseroberfläche verbleibt bis er sein Ziel trifft. Da war eine enorme Entwicklungsarbeit mit Tests erforderlich.

Letztendlich wurde hier bereits vor dem Ersten Weltkrieg in der angegliederten Fabrik diese Waffe gefertigt. Damit konnten bereits damals Torpedoboote, Torpedoflugzeuge und Unterseeboote ausgestattet werden. Das zu einer Zeit, wo selbst der Großbauer gerade erst einmal dampfbetriebene Dreschmaschinen einsetzte. Von Traktoren war noch gar keine Rede.

Der Ausstoß der angegliederten Fabrik erreichte im Jahr 1943 eine monatliche Zahl von 160 Torpedos, die an die deutsche und italienische Kriegsmarine geliefert wurden. In den 1990er Jahren ging die Fabrik dann in Konkurs.

In diesem Haus im Zentrum der Stadt, kurz Ploechpalast genannt, er wurde im Jahr 1888 erbaut, wohnte bis zu seinem Tod im Jahr 1906 Annibale Ploech, der Mehrheitseigentümer der Fabrik. Seine Frau war die Tochter von Robert Whitehead. Ich finde es erstaunlich, wie das junge Unternehmen innerhalb gerade mal 20 Jahren so viel Gewinn abwerfen konnte, daß der Eigentümer sich so eine noble Behausung leisten konnte.



(Bild aus Wikipedia)

Wie es nach dem Tod von Ploech mit dem Unternehmen weiterging, ist mir nicht bekannt.

Derzeit gibt es Bestrebungen seitens der Stadt Rijeka die Ruine der Abschußstation zu sichern und für die Nachwelt zu erhalten. Ferner ist ein Torpedomuseum in einem Teil der alten Fabrikhalle geplant.

jürgen
 

MathiasMuehl

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Hallo Jürgen, danke für diesen schönen Beitrag! Finde es sehr toll wie viel mühe du dir gibst. Auch ein sehr schöner Anblick dieser Sehenswürdigkeit. LG
 
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Aero

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#7

wallbergler

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#8
Einerseits ist es wieder mal ein Lehrstück deiner Neugierde. Hervorragend dargestellt.

Andererseits wirkt es einerseits beklemmend, sich mit den Kriegswirren und seinen Gräueltaten zu beschäftigen.

Jeden dieser Berichte sollten sich die Verantwortlichen vor Augen halten müssen. Macht , Gier und persönliches , ausuferndes Selbstbewusstsein lässt, wie sich auch , oder gerade auch heute noch zeigt, solche „ Innovationen“ für Kriegs-und Vernichtungsgeräte wohl nicht austreiben.

Auf alle Fälle zeigen diese Bilder im Rahmen der Zeitgeschichte einen geradezu lächerlich, nutzlosen Aufwand , der wiederum aber nur Leid und Sterben mit epischem Ausmaß gebracht hat.

Letztlich trägt der Bericht aber dazu bei, diesen Wahnsinn in Erinnerung zu rufen.


Lieben Gruß

Helmut
 

claus-juergen

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#10
...Andererseits wirkt es einerseits beklemmend, sich mit den Kriegswirren und seinen Gräueltaten zu beschäftigen...Auf alle Fälle zeigen diese Bilder im Rahmen der Zeitgeschichte einen geradezu lächerlich, nutzlosen Aufwand , der wiederum aber nur Leid und Sterben mit epischem Ausmaß gebracht hat...
hallo Helmut,

Krieg in kleiner oder großer Form hat es immer gegeben seit die Menschheit existiert. Folglich wird es auch in Zukunft Kriege geben. Über die Gründe nachzudenken ist wohl vergebens. Der Krieg mit all seinen Waffen und der Technik gehört zum Menschen.

Was die Anlage hier angeht, habe ich die euch deshalb vorgestellt, weil ich zum einen an allem interessiert bin, was zu Kroatien gehört und zum anderen ich die Geschichte kennenlernen möchte. Die Torpedoabschußstation ist ein Beispiel dafür, wie das am Vorabend des Ersten Weltkriegs von vielen als rückständig und zu gering industrialisiert angesehene KuK-Reich eben doch ein hoch entwickelter Industriestandort war. Leider war die Führung des Reiches bis hin zum geliebten Kaiser Franz Joseph offensichtlich inkompetent, was die politische und militärische Lage 1914 anging. In völliger Selbstüberschätzung wurde dem kleinen Nachbarland Serbien der Krieg erklärt, der noch dazu nicht einmal gewonnen wird. Das Ergebnis kennen wir alle.

Die Entwicklung, die der Torpedo seit Erfindung genommen hat, ist schon beeindruckend. Dabei möchte ich noch einmal erwähnen, daß Luppis und Whitehead das Gerät als Verteidigungswaffe konstruiert haben. Heute ist der Torpedo eine reine Angriffswaffe. So ändern sich die Zeiten...

grüsse

jürgen
 

wallbergler

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Ist ok, Jürgen, aber wie gesagt: "Letztlich trägt der Bericht aber dazu bei, diesen Wahnsinn in Erinnerung zu rufen"

Lieben Gruß
Helmut
 

Fotopaar63

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#12
Hallo, ich erlaube mir mal eine kleine Ergänzung zur Torpedofabrik:



Ferner ist ein Torpedomuseum in einem Teil der alten Fabrikhalle geplant.
Es gibt bereits ein Torpedomuseum. Recht unscheinbar gegenüber dem internationalen Busbahnhof in einer Seitenstraße gelegen. Die Adresse ist mit Zabica 4 (oder Zhabica) angegeben. Aber es geht noch ein Stück die Seitenstraße rein.



Den Eintrittspreis weiß ich leider nicht, da ich eingeladen war. Denke aber, dass es um die 30 Kuna sein müssten. Gezeigt werden viele technische Geräte und natürlich Torpedos, deren Größe mich als nicht Militär-Fachmann überrascht hat.













Weitere Infos zur Torpedofabrik finden sich hier: http://www.muzej-rijeka.hr/torpedo/en/index.html

P.S. Vor zwei Jahren wurde in den Gewässern bei der Abschußrampe ein scharfer Torpedo geborgen. Den entsprechenden Artikel kann ich leider nicht mehr finden.
 

claus-juergen

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#13
hallo Leander,

vielen Dank für die weiteren Infos!

Es gefällt mir besonders, wie du diesen Bericht hier mit link zum Museum und Bildern ergänzt hast.

Der Busbahnhof befindet sich auf einem Platz mit dem Namen Zabica. Er liegt direkt neben der Uferstraße Riva. Ich hoffe, im Herbst bei dann vielleicht kühlerem Wetter noch mal in Rijeka zu sein. Dann gehört der Besuch des Museums mit dazu. Ich werde es schon finden.

Generell zeichnet es unser Forum aus, daß Informationen zusammengetragen werden. Das Wissen Einzelner soll ein möglichst umfangreiches Gesamtbild ergeben.

grüsse

jürgen
 
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