die KuK Offiziersvillen in Pula

claus-juergen

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#1
Als das damalige Dorf Pula ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zum Hauptkriegshafen der Donaumonarchie ausgebaut wurde, mußten nicht nur Unterkünfte für die Mannschaften und Arbeiter der in 70 Jahren von 500 auf 50.000 Einwohner gewachsenen Stadt geschaffen werden sondern auch vornehme Villen für die hohen Beamten und Offiziere.

Im Stadtteil Veruda sind diese gut zwei Dutzend Villen auch heute noch Teil des Stadtbildes von Pula. Meines Wissens stehen alle unter Denkmalschutz. Leider ist der allgemeine Erhaltungszustand nicht sonderlich gut.

Neulich habe ich euch ja bereits die Villa Trapp vorgestellt.

http://www.adriaforum.com/kroatien/threads/die-villa-trapp-in-pulas-stadtteil-veruda.81915/

Die anderen Villen sind zwar nicht ganz so groß, aber alle haben sie ihre Geschichte. Der Adel und die Industriellen gingen hier ein und aus. Solch gut erhaltene Villen kann man an einer Hand abzählen.






Diese leerstehende Villa ist noch, wenn auch unbewohnt in verhältnismäßig gutem Zustand.



Die da ist bewohnt.



Da sich innerhalb weniger Jahrzehnte die Stilrichtungen geändert haben, finden wir Elemente des Jugendstils, der Gründerzeit oder auch Klassizistische Baustile. Manche Villen sind eine Mischung von allem.

Diese Villa konnte ich mir von innen ansehen. Auffallend sind Details aus der Austro-Ungarischen Zeit.






Die Messinghalterungen für den meist roten Teppich, mit welchem die Steintreppe belegt war, sind noch vorhanden.







Ein altes Balkongeländer



Die Überdachung des selben Balkons aus Schmiedeeisen




Eine Rosette an der Fassade



Ein Unterflurhydrant im Garten wurde in Wien hergestellt.



Dieses Haus steht direkt neben dem Markt von Veruda.



Selbst ein Wintergarten auf zwei Geschossen war seinerzeit bei manchem Besitzer schon modern.



Allgemein haben alle Villen relativ große Gärten.



Hier ist der Außenputz fast vollständig abgebröckelt. Dadurch ist gut zu erkennen, daß die Häuser damals aus Naturstein wie seit Jahrhunderten in der Gegend üblich gebaut wurden. Vermutlich war der auch billig zu haben, da im nahen Steinbruch große Blöcke für die Festungsbauten gewonnen wurden. Kleinere Steine waren somit praktisch Abfall.



Ecktürmchen waren modern, egal ob mit Zuckerhutspitze wie bei der Villa Horthy, hier im Bild



oder so wie hier als Pyramide.



und wieder ein leerstehendes Haus...



Hier eine Villa in völlig anderem Stil als die restlichen Häuser



Hier fällt der bogenförmige Balkon über dem bogenförmigen Erker auf.



Der Erhaltungszustand ist völlig unterschiedlich. Je nachdem ob das Haus bewohnt ist oder vielleicht auch wer darin wohnt. Der eine pflegt nun mal sein Haus und der andere lässt es verkommen. Warum auch immer?



Ich meine jedenfalls, daß hier noch viel zu tun ist um diese erhaltenswerten Denkmäler für die Nachwelt zu schützen. Sicherlich liegt es nicht immer nur am fehlenden Geld. Oft sind halt die Eigentumsverhältnisse strittig. Wer steckt in so einem Fall schon hohe Summen in ein Gebäude wenn es einem nicht gehört.

jürgen
 
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zizibe

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#2
Danke! Hammer Fotos, wie ist es Dir gelungen die Villa oben von innen zu sehen? Das ist so spannend, ich finde das so unglaublich interessant wie es in so verlassenen Gebäuden aussieht, wie es sich anfühlt. Deine Bilder vermitteln den Hauch einer Ahnung. Danke Dir!
 

claus-juergen

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#4
Danke! Hammer Fotos, wie ist es Dir gelungen die Villa oben von innen zu sehen? Das ist so spannend, ich finde das so unglaublich interessant wie es in so verlassenen Gebäuden aussieht, wie es sich anfühlt. Deine Bilder vermitteln den Hauch einer Ahnung. Danke Dir!
hallo zizibe,

das kann ich dir schon sagen. Es war so wie immer. Ich habe fotografiert und meine Frau meinte, ob ich bald fertig bin, so daß wir endlich einen Cappucino in unserer Kneipe ums Eck trinken können. Dabei ist mir aufgefallen, daß das Grundstück durch ein Loch im Zaun zugänglich ist. So eine Chance muß man nutzen. Also rein in die Hütte und darauf geachtet, daß ich nicht in irgendein Loch falle und los gehts mit dem Erkunden.

Das Haus wurde zumindest so gesichert, daß der weitere Verfall sich in Grenzen hält. Das Dach ist dicht und die herausgebrochene Treppe wurde mit Beton gesichert.

Nur nebenbei erwähnen möchte ich, daß der Cappucino danach nicht so gut geschmeckt hat, weil die Stimmung "im Hause" etwas getrübt war. Scheinbar war ich zu lange in der Villa.

Wäre ich im übrigen dauerhaft dort wohnhaft, dann würde es mich schon reizen, das Haus stilgerecht zu renovieren. So etwas bekommt man in der Lage nicht so leicht. Ein Neubau wäre sicher billiger, aber ein Haus mit Geschichte mitten in Pula ist halt was besonderes. :)

grüsse

jürgen
 

zizibe

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#5
Hallo nochmal, ich versteh Dich so gut, mir geht es genau so. Mein Mann hasst es. wenn ich ewig um ein baufälliges altes Gemäuer gehe, immer auf der Suche nach so einem Schlupfloch. Meistens finde ich dann einen Weg alleine wieder zu kommen und dann mach ich es genau wie Du, nix wie rein es ist einfach faszinierend. Ich hoffe, er wird das nie lesen sonst ist es vorbei mit meinen "Ausflügen".
Ich kann auch Deine Frau verstehen man vergisst in diesen alten Mauern jedes Gefühl für Zeit und Raum.
So eine Renovierung wäre ein Megaprojekt, in jeder Hinsicht, aber finanziell wohl kaum zu stemmen, von den Auflagen bezüglich Denkmalschutz ganz zu schweigen. Aber träumen darf man und das geht nun mal am Besten wenn man
dieses Schlupfloch gefunden hat und die Stimmung vergangener Tage auf sich wirken lässt.

LG Ingrid
 

Sporting 505

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#8
Hallo Jürgen:)
jetzt wo ich das lese bin ich wohl daran vorbeigelaufen,ohne dem Ganzen große Beachtung zu schenken.
Schade eigentlich ,da wäre ich auch gerne rumgeklettert.
Danke dir für den Beitrag und die tollen Fotos.
 

claus-juergen

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#10
hallo Steinbock,

danke für deinen link, der einen geschichtlichen Überblick der Entwicklung Pulas aufzeigt.

Daraus habe ich diese Luftaufnahme entnommen und vergrößert. So kann man gut die Villen von oben erkennen. An den Dachformen sieht man auch, daß jede Villa anders gebaut ist. Links unten befindet sich der Markt von Veruda mit angegliederten Geschäften.

https://www.google.de/maps/@44.8572973,13.8403887,280m/data=!3m1!1e3?hl=de

Ein paar Infos möchte ich noch beisteuern.

Im November 1918 war der Erste Weltkrieg zu Ende. Nun ergab sich das Dilemma, daß die überwiegend deutsch sprechende Oberschicht Eigentümer dieser Villen war. Oft waren die Häuser von mehreren Generationen bewohnt. Das nun viel kleinere Österreich wurde zum Binnenstaat. Die Offiziere und höheren Beamten wohnten nun im "Ausland" und waren arbeitslos. Was blieb denen also anderes übrig, als an die neuen Herren aus Italien ihre Häuser billig zu verkaufen und nach "Restösterreich" wegzuziehen. Faktisch kam dies einer Enteignung gleich. Italien nutzte natürlich die vorhandene Hafeninfrastruktur und deren höhere Beamte und Militärs wollten ja ebenfalls standesgemäß untergebracht werden.

So machten es sich die neuen Herren und Damen aus dem italienischen Mutterland in den Villen für gut zwei Jahrzehnte gemütlich. Dann kam der Zweite Weltkrieg und ganz Istrien fiel mit der Stadt Pula an Titos Jugoslawien. Nun sprachen zwar 60 % der Einwohner italienisch. Die Italiener hatten durch Mussolinis rigide Politik der Italienisierung, der viele ethnische Kroaten zum Opfer fielen die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß Tito nun seinerseits die italienisch sprechenden Bewohner Pulas loshaben wollte.

Das Attentat auf die Besucher einer italienischen Schwimmveranstaltung in Pula am 18.08.1946 durch Agenten des Tito-Geheimdienstes führte zum gewünschten Erfolg. Die Italiener reisten massenhaft aus. Die Villen wurden wiederum entweder vom Staat beschlagnahmt oder für wenig Geld an regimetreue und verdiente Partisanen verscherbelt.

https://translate.google.de/transla...dia.org/wiki/Strage_di_Vergarolla&prev=search

(die Übersetzung ist zwar nicht besonders. Hingegen erfährt man etwas über das Attentat)

Bekanntlich fehlte es im kommunistischen Jugoslawien an Geld und Material. So verfielen die Häuser weiter. Die Privatisierungen nach der Unabhängigkeit Kroatiens Anfang der 90er Jahre brachte auch keine Wende. Der Staat Kroatien hat auch kein Geld. Die Häuser werden heute überwiegend von Menschen bewohnt, die finanziell nicht auf Rosen gebettet sind. Manche Villen sind im Besitz von mehr oder weniger zerstrittenen Erbengemeinschaften, eines wurde vom Staat als Entschädigung der katholischen Kirche vermacht, manche Häuser sind in Wohnungen aufgeteilt. Allen gemeinsam ist jedoch, daß das Geld hinten und vorne fehlt.

Meiner Meinung nach müsste sich zwar ein Topf der EU-Förderung für die Sanierung anzapfen lassen. Allerdings ist hier immer ein gewisser Prozentsatz Eigenkapital erforderlich. Daran hapert es wohl. :(

Vermutlich bin ich ja noch ein paar Jahre in der Gegend und kann verfolgen, ob sich doch noch was tut in Sachen Sanierung. ;)

grüsse

jürgen
 

claus-juergen

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#11
hallo,

eine Detailaufnahme habe ich euch bisher vorenthalten. Sie zeigt das Endstück der Teppichstange aus Messing auf der Treppe des oben beschriebenen Hauses. Wer genau hinsieht erkennt, daß links und rechts auf jeder Stufe diese Endstücke vorhanden sind.



Für mich ist es faszinierend, daß seit vermutlich 100 Jahren trotz wechselnder Bewohner und des sich ändernden Geschmacks nie jemand auf die Idee gekommen ist, diese Endstücke der Teppichstangen zu entfernen obwohl seit sicherlich mehr als einer Generation kein Teppich mehr auf der Treppe gelegen ist.

grüsse

jürgen
 
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