Der Eisverkäufer aus Vrsar

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Ein Artikel aus der Österreichischen Salzburger Nachricht



Der Eisverkäufer von Vrsar
Von Marcus Howest | 22.09.2013 - 00:00 | Kommentieren
Die istrische Hafenstadt Vrsar ist malerisch und voller venezianischer Geschichte. Sie hat aber auch einen Eisverkäufer, der mehr ist als das. Und dann ist da noch Giacomo Casanova.



Kunststückchen und Theater – so verkauft Idrizi seine Stanitzel.


Hey Baby", ruft er mit seiner schrillen Stimme, greift zugleich mit der Eiskugelzange tief in den Malaga-Berg hinter der Vitrine und packt die Eiskugel auf ein frisches Waffelstanitzel. Das pappt er auf ein weiteres Stanitzel und fügt so ein ums andere Mal weitere Eiskugeln verschiedener Sorten in kleinen Waffeln hinzu, bis ein Konstrukt ähnlich dem Brüsseler Atomium entsteht. Währenddessen wird der überraschte Gast mit Sprüchen und Redewendungen aus einem internationalen Fundus bezirzt. Das fertige Meisterwerk bejubeln die umstehenden Touristen, als gäbe es einen Champion. Und der beglückte Gast freut sich über eine Riesenportion.
So geht das mehrmals am Tag, besonders abends, wenn die Sonnenanbeter von ihren Badeplätzen zurückkommen. Oder wenn die Ausflugskutter von ihren Besuchen im nahen Limski-Fjord oder in Rovinj zurückkehren. "Verkaufen ist Psychologie", grinst Idrizi Abduga. Ein offenes Herz, ja, das gehöre auch dazu, fügt er in gebrochenem Deutsch hinzu. Der Moment sei entscheidend. Und meint damit den Augenblick, wenn er aufdreht und mit seiner Kundschaft zu spielen beginnt. Noch ein kräftiger Schluck aus der Espressotasse, ein unruhiger Blick auf die Uhr. Schnell steckt er sich noch eine Zigarette an. Um elf beginnt sein langer Tag und Schluss ist oft erst gegen Mitternacht. Viel Zeit für Kabinettstückchen.

Er genießt es sichtlich, wenn seine Späße ankommen. Dann wird klar: Eigentlich ist er für die Manege geschaffen. Und das Talent eines Lebenskünstlers hat er auch. Dem Eisverkauf kommen seine spektakulären Einlagen zugute. Denn das "Atomium" ist nicht das einzige artistische Zuckerhütchen: "Stell dich an den Hafenkai - avanti, avanti", ruft Abduga einem eishungrigen jungen Mädchen an der Theke zu und richtet den Zeigefinger auf einen Platz in 20 Metern Entfernung. Er weist sie an, den Mund zu öffnen - für die köstliche Eiskugel. Und die kommt kurz darauf punktgenau in einem hohen Bogen direkt in Richtung Gaumen geflogen. Applaus und ein tiefes Raunen durchzieht die umstehende Menge.
Der Tag vergeht mit ein paar Floskeln, die er aus Volksliedern, aus dem Fernsehen oder vom Hörensagen kennt, und natürlich mit ein paar kleineren Eiskonstruktionen. Seine drei Kollegen beobachten jede Show mit einem Grinsen. Wie Abduga stammen auch sie aus einem Dorf in Mazedonien und huldigen gemeinsam der 400 Jahre alten Eistradition ihres Landes. "Wir arbeiten perfekt zusammen", freut sich der 52-Jährige über die gemeinsame Arbeit im Eiscafé Al Porto. Wenn die Saison Ende September in Vrsar zur Neige geht, macht der Künstler unter den Eisverkäufern erst einmal Pause und verbringt einen Monat lang zusammen mit seiner Frau in seiner Heimat. Um danach irgendwo während der Wintermonate zu kellnern. Mit etwas weniger Artistik, dafür aber sicher auch mit frechen Sprüchen.
Apropos Sprüche: "Engländer und Skandinavier kontern am besten", meint Abduga über die Resonanz der jeweiligen Gäste. Manche fühlten sich überrumpelt und seien einfach sprachlos, berichtet er, zahlt seinen Espresso und eilt hinaus in seine "Manege", voller Vorfreude darüber, dass die Leute seine Spielchen wieder lieben werden, weil sie mit viel Herz gemacht sind.
Idrizi Abduga hat noch einen Freund im Ort. Mehr ein Freund im Geiste. Doch der lebt nicht mehr, schon lang nicht mehr. Als er die "Stadt des Marmors" besuchte, schrieb man das Jahr 1743. Giacomo Casanova schätzte die Schönheit der Frauen von Vrsar und trank gern vom hiesigen Wein. So bekennt er in seinen Memoiren.
An so manchen Abenden mag er in Gesellschaft einer istrischen Schönheit am Fuße des Campanile gesessen sein und ihren Blick auf die malerische Adria mit den vorgelagerten Inseln gelenkt haben, um ihr Herz zu erobern. Ein Panorama, das damals wie heute die Sinne verzaubert. Der Duft des Meeres, das Kreischen der Möwen und die Stimmen der Fischer im Hafen, während sie ihre Netze reparieren.
Wer genau hinsieht, wird vom heutigen "Viewpoint Casanova" auch das Eiscafé am Hafen erkennen. Und sehen, wie die Menge dem aktuellen Künstler des Orts applaudiert, wie er gerade einmal wieder die Herzen der Leckermäuler erobert.
Informationen:
Tourismusverband Vrsar: Tel.: +385 52 44 11 87, www.infovrsar.com; www.istra.hr; www.croatia.hr
 

burki

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#2
Wenn das man nicht alles wahr ist :) ... JA

Wir haben es am 12.6. selber erlebt und dank meiner schnellen Spiegelreflex dazu die Bilder eingefangen ;)









burki
 

Malin

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#5
Die Unterhaltung ist bei denen garantiert .
Aber das Eis ist auch sehr gut .
Das bleibt immer noch das wichtigste daran, so ne Show kann nämlich auch blenden. In porec kam es mir so vor, als wenn die im Trubel und Eifer des Gefechts schon mal den Preis leicht erhöhen, oder man bezahlt und kriegt mehr als man bestellt hat ;) Für die Zuschauer und vor allem Kinder ist es natürlich ne kostenlose Attraktion, mir persönlich sind gute aber ruhigere Eisläden lieber. Beim Pingo in Rabac stehen die Leute auch ohne Showeinlage meterlang in der Schlange an, da bleibt der Star das Eis.
 
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