das Villagio del Pescatore bei Monfalcone - Teil 1

claus-juergen

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#1
Ein Dorf in Italien ist Gegenstand eines Reiseberichts im adriaforum, welches sich hauptsächlich mit Kroatien beschäftigt? Ja, denn in diesem Dorf leben die Nachfahren von ehemaligen Bewohnern Istriens und Dalmatiens.

In diesem Bericht möchte ich euch einen seltsamen Ort in Italien vorstellen. Dieser trägt den einfachen Namen Villagio del Pescatore, auf deutsch "Fischerdorf". Seltsam, mag nun mancher denken. Seltsam ist nicht nur der Name, sondern auch die Geschichte des Dorfes der Fischer.

Zur Erklärung habe ich diese Landkarte des Königreichs Italien aus Wikipedia verlinkt. Bekanntlich wurden Italien nach dem Ersten Weltkrieg, in welchem das Land auf der Seite der Siegermächte gekämpft hat, als eine Art Kriegsbeute Regionen angegliedert, die heute zu Slowenien und Kroatien gehören.

Was das hier gegenständliche Dorf betrifft, stammen die Familien der Bewohner fast alle aus den Küstenregionen Istriens, des Kvarner und aus Dalmatien. Diese Landstriche wurden nach dem Zweiten Weltkrieg an das kommunistische Jugoslawien angegliedert. Titos Partisanen waren die italienisch sprechenden Bewohner der Küstenorte, die überwiegend von Fischfang lebten, ein Dorn im Auge. Spätestens nach dem Anschlag von Vergarolla flohen die Italiener in Massen aus dem Machtbereich Titos.

https://translate.google.com/transl...dia.org/wiki/Strage_di_Vergarolla&prev=search

Diese Flucht geschah meist nachts in den Fischerbooten über einen längeren Zeitraum. An der Landgrenze war die Flucht lebensgefählich weil diese Grenze scharf bewacht wurde. So entstand nach 1945 hier an der Stelle zuerst ein Barackenlager, welches im Laufe der Jahre zu einem richtigen Fischerdorf ausgebaut wurde. Ähnliches kennen wir in Deutschland von Neugablonz, Waldkraiburg oder Geretsried.



Quelle (Von XrysD - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=63230737)

Vor kurzem hatte ich Gelegenheit, bei bestem Wetter dieses Dorf an der italienischen Adria zu besuchen.




Es mußte schnell gehen mit dem Bau der Häuser. Da bot es sich an, praktische, billige und platzsparende Reihenhäuser zu errichten.








Ein kleiner Garten davor und eine schmale Straße genügten. Ein Auto hatte Ende der vierziger und Anfang der Fünfziger Jahre eh kaum jemand




Auch an einen großzügigen Dorfplatz haben die Planer gedacht.





Mehr Platz gab es für die Schule und den Kindergarten.




Auf dieser Stele ist der Begriff Esuli erwähnt. Der Begriff bezeichnet die geflüchteten oder vertriebenen Italiener aus den Ländern des Balkan nach dem Zweiten Weltkrieg.




Was wäre ein Fischerdorf ohne Fischerboote? Mit der Fischerei ist es jedoch schon länger vorbei. Die Kaimauern dienen nur noch wenigen Fischern als Anlieger.












Dem Botaniker fällt auf, daß die Pinien hinter der Kaimauer nicht sehr alt sind.




Auf dieser Tafel wird die Region dargestellt. Erst nach der Auflösung des Freistaats Triest im Jahr 1954 kam das Villagio del Pescatore endgültig zu Italien.




https://de.wikipedia.org/wiki/Freies_Territorium_Triest


Wie die Fischer nach der Flucht organisiert waren, kann ich nicht sagen. Dieses Gebäude wird jedenfalls nicht mehr für die Fischerei genutzt.




Direkt daneben befindet sich ein Museum welches am Sonntag geöffnet hatte.




Das widmet sich jedoch nicht nur der Flucht der meist istrischen Fischer, sondern auch den Weltkriegen. Der alte Mann, der es wohl betreut, spricht etwas deutsch und wollte mich gar nicht mehr gehen lassen.




Stolz erzählte er mir von seinen Vorfahren aus Österreich.











Am Ortsrand stehen die Reste einer ehemaligen Fischfabrik.








Unter dieser Überdachung rotten Behälter für Meeresfrüchte vor sich hin.








Diese Anlage hingegen scheint noch genutzt zu werden.




Nach ein paar Minuten Fußmarsch kommt man zu diesem direkt am Meer liegenden Fischlokal. Nach Auskunft von Einheimischen sollte man hier am Wochenende einen Tisch bestellen, wenn man dort gut und romantisch essen möchte. Der Andrang ist wohl recht groß.




Etwas einfacher und preiswerter gibt es mitten im Ort etwas zu essen. Wer beklagt sich eigentlich immer, daß Italiens Gastronomie teuer sei? Im Lokal selbst habe ich nicht fotografiert, weil auch das am Sonntag rappelvoll war.




Wer mehr über den geschichtlichen Hintergrund wissen möchte, der kann sich hier einlesen.


https://translate.google.com/transl...a.org/wiki/Esodo_giuliano_dalmata&prev=search


Ende von Teil 1 - Teil 2 folgt demnächst. Da gehen wir gemeinsam in die Kirche und 70 Millionen Jahre zurück in die Vergangenheit.


jürgen
 

Barraquito

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#4
Ein gut gemachter Bericht,Jürgen,die wenigsten werden davon jemals gehört haben - Danke!
 
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