Unterwegs in der Lika

claus-juergen

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#1
Die Lika ist eine Gegend in Kroatien, die deshalb bekannt ist, weil sich hier die weltberühmten Plitwitzer Seen befinden. Südlich davon ist eine Gebirgsgegend, die dünn besiedelt ist und nur mittels einer schmalen Asphaltstraße erschlossen wird. Die Berge sind mit Magerrasen oder Wald bewachsen. Nur in den fruchtbaren Tälern leben ein paar Menschen. Die betreiben kleine landwirtschaftliche Betriebe. Gewerbe und Industrie gibt es hier genausowenig wie eine Konoba, ein Cafe oder einen Laden.

Wir sind von Sinac, das liegt südlich der Stadt Otocac über Ramljani, Canak und Kosa Janjacka bis Perusic etwa 40 Kilometer durch diese Landschaft gefahren. Erst bei Perusic beginnt wieder die "Zivilisation". Hier gibt es auch eine Autobahnausfahrt an welcher sich nach und nach Gewerbebetriebe ansiedeln.

Hier die Region auf der Karte

https://www.google.de/maps/place/Ča...737d860d8e72c86!8m2!3d44.7354593!4d15.4898811

Hier Bilder von Sinac, wo sich eine der Quellen des Flusses Gacka befindet.






Etwa zehn Kilometer dahinter liegt Otocac.



In dieser Ebene fließt die Gacka mit wenig Gefälle in einen Kanal, der dann in Rohre mündet, die durch das Velebit bis zur Küste verlaufen. Südlich von Senj befindet sich ein Wasserkraftwerk,



Auf der Gacka kann man auch mit dem Kajak fahren. Wir haben das natürlich auch machen müssen. Einen Bericht dazu findet ihr hier:

https://www.adriaforum.com/kroatien/threads/kajak-fahren-auf-der-gacka.84790/

Irgendwann unterquert man die Bahnlinie nach Gospic und kommt in eine einsame Gegend.



Diese Schilder weisen zum anderen Ende der Welt. Ob es hier zum Veliki Alan Pass geht, kann ich nicht sagen.



Andere Schilder hingegen sind in ihrer Bedeutung auch für uns Sprachunkundige eindeutig.



Die Minen stammen alles aus der Zeit des Bürgerkrieges. Hier verlief die Grenze der Serbischen Repjublik Krajina zu Kroatien.

https://de.wikipedia.org/wiki/Republik_Serbische_Krajina

Bis heute wurde nur ein kleiner Teil der Minen geräumt. Nach wie vor kommt es zu Opfern, weil die hier lebenden Menschen den Wald zur Gewinnung von Brennholz, dem Sammeln von Waldfrüchten oder zur Jagd nutzen.



Die hellgrünen Flächen im Tal werden landwirtschaftlich genutzt.






Solche Gedenkstätten für gefallene oder ermordete Zivilisten oder Polizisten sehen wir immer wieder am Straßenrand. Polizisten deshalb, bei mit Beginn der Unabhängigkeitserklärung Kroatiens das Land kein Militär hatte. So war die Polizei gefragt, das Land zu verteidigen oder die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten und wurde neben Zivilisten bevorzugtes Ziel des serbischen Soldateska.



Da beide am selben Tag starben, ist anzunehmen, daß die Streife in einen serbischen Hinterhalt geriet und ermordet wurde.



Die Gegend hier war zuvor von serbischen Menschen mit orthodoxem Glauben und von Kroaten mit katholischem Glauben bewohnt. Die Serben proklamierten ihren eigenen Staat und begannen, da sie zuvor von der Jugoslawischen Volksarmee mit Waffen ausgestattet wurden, über ihre kroatischen Nachbarn herzufallen.



Weiter unten im Tal sehen wir die ersten Häuser von Canak.



Hauszisternen oder öffentliche Zisternen werden auch heute noch genutzt. Nicht jedes Gehöft ist an das öffentliche Trinkwassernetz angeschlossen.



MItten im Ort wieder eine Gedenkstätte für Gefallene des Bürgerkrieges.



Irgendwann kommen wir heraus aus den Bergen und sehen die Autobahn vor uns. Dahinter befindet sich Perusic. Hier endlich gönnen wir uns eine Brotzeit und etwas zu trinken.










Gesehen haben wir auf der Strecke drei alte Männer beim Brennholz machen und ein Auto auf der Straße. Wo alle anderen Menschen waren, weis ich nicht.

Alles in allem haben wir eine tolle Landschaft entdeckt wo jedoch die Ortschaften und befestigte Straßen wohl noch lange nicht wegen der Minengefahr verlassen werden können.

jürgen
 

Daniel_567

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#2
Hallo Jürgen.

Danke für diesen interessanten Bericht von einer Region abseits der Touristenströme.
Ich glaube, die Altlasten in Form von Minen werden dort leider noch lange Zeit im Boden liegen, da die Region für den Tourismus nicht interessant scheint.

Viele Grüsse, Daniel.
 

Marius

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#3
Hey Daniel, das denke ich nicht.
Da ist der Tourismus kein Kriterium oder besser gesagt nicht mehr, denn touristisch stark erschossene Gebiete sind ohnehin schon minenfrei.
Es sind einfach zu viele Minengebiete, und die (wenigen) Entschärfer sind eh ständig unterwegs, aber man kann halt immer nur eines nach dem anderen abarbeiten.
Priorisiert wird ganz einfach nach der Bevölkerungsdichte sowie nach der landwirtschaftlichen Nutzung, die ja auch minenfrei sein muss.
Ganz dünn besiedelte Wälder kommen dann halt ganz am Ende dran, Solche Wälder machen 85% der noch offenen Minengebiete aus.

Übrigens, 2017 war das erste Jahr seit Kriegsbeginn, in dem es keine Minenverletzten oder -toten in Kroatien gab.

Bis 2026 hat sich Kroatien verpflichtet alle noch offenen Minengebiete zu prüfen und ggf. minenfrei zu machen, dafür wurden Anfang dieses Jahres (auch mit Unterstützung der EU) erhebliche finanzielle Mittel eingeplant (insgesamt 460 Mio. Euro)

Quelle unter anderem: https://www.jutarnji.hr/vijesti/hrv...ti-ociscena-od-mina-do-1-ozujka-2026/8223278/
 

Fotopaar63

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#6
Bis heute wurde nur ein kleiner Teil der Minen geräumt. Nach wie vor kommt es zu Opfern, weil die hier lebenden Menschen den Wald zur Gewinnung von Brennholz, dem Sammeln von Waldfrüchten oder zur Jagd nutzen.
Marius hat es in #3 richtig ausgeführt: Seit 2017 keine Minenopfer. 2014 waren es zwei, 2015 drei, 2016 sieben. Allesamt Minenräumer. Rund 30.000 Landminen werden noch in Kroatien vermutet. Die Frist zur Beseitigung aller Antipersonenminen wurde Anfang des Jahres von März 2019 bis ins Jahr 2026 verlängert. Alles nachzulesen hier und ggf. dem Link Monitoring folgen: https://www.interactive.eda.admin.ch/blog/Lists/Posts/Post.aspx?ID=196

Was die hier gezeigte Route um Canak herum betrifft, so gibt es dort im Vergleich zu den Vorjahren kaum noch Minenschilder. Ne handvoll. Dieser Rückgang ist auch andernorts festzustellen.

Ein Hinweisschild bei Canak: Minenräumung landwirtschaftlich genutzer Flächen bis 2020:






Für Minenjäger empfehle ich die Strecke Otocac - Glavace - Dabar. Im Waldgebiet zwischen Glavace und Dabar stehen alle 100 m beidseits Warnschilder. Das dürfte noch dauern ... Durch die Luft fliegende Bären, Wildsäue oder sonstwas habe ich dort allerdings noch nicht sehen können.

 

claus-juergen

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#8
hallo Leander,

danke für deine Ergänzungen zum Beitrag. Magst du uns nicht vielleicht mal deine Infos und Bilder in Form eines Reiseberichtes zeigen? Du hast uns erzählt, daß du seinerzeit mit Wolfram die Tour über den Mali Alan Pass unternommen hast. Gerne würde ich mehr Bilder davon und eine Beschreibung der Strecke haben wollen. Vielleicht schaffe ich es doch mal mit dem Pkw, diesen sicherlich eindrucksvollen Pass zu befahren.

grüsse

jürgen
 
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#9
Trauriges Kapitel dieser Krieg damals. Hat mich während meiner Radtour auch schwer beschäftigt - vor allem, weil ein Großteil der Gefallenen in meiner Zeit geboren wurde ...
Landschaftlich gibts im Hinterland sehr viel zu entdecken - Danke für den Einblick !
 

claus-juergen

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#10
Trauriges Kapitel dieser Krieg damals. Hat mich während meiner Radtour auch schwer beschäftigt - vor allem, weil ein Großteil der Gefallenen in meiner Zeit geboren wurde ...
Landschaftlich gibts im Hinterland sehr viel zu entdecken - Danke für den Einblick !
hallo Ronald,

tatsächlich sind die Länder, die aus dem ehemaligen Jugoslawien hervorgingen und auch manche Nachbarstaaten eine Region, wo es seit Beginn des 20. Jahrhunderts immer wieder Kriege gab. In der kurzen Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ging es schon mit den Balkankriegen los. Selbst zwischen den Weltkriegen wurde gezündelt und gemordet. Serbien spielte dabei immer eine Schlüsselrolle.

In vielen noch so kleinen Orten Kroatiens und sicher auch in den anderen Nachfolgestaaten von Titos Reich findest du Gedenkstätten an den Zweiten Weltkrieg. Die Kämpfe zwischen den Partisanen, den Italienern und ab 1943 der Wehrmacht, hier war es in erster Linie die 1. Kosakendivision, wurden mit äußerster Brutalität auf beiden Seiten geführt. Aber auch das faschistische Kroatien unter Ante Pavelic, ein Verbündeter des Deutschen Reichs im Zweiten Weltkrieg, hat sich nicht mit Ruhm bekleckert.

https://de.wikipedia.org/wiki/1._Kosaken-Division

https://de.wikipedia.org/wiki/Unabhängiger_Staat_Kroatien

Zuletzt war der Kosovo im Jahr 1999 Schauplatz eines Krieges.

Ich bin kein Pessimist, gehe jedoch davon aus, daß es nicht mehr allzu lange dauert, bis irgendwo in der Region es erneut kracht. Die alten Wunden sind noch nicht verheilt oder heilen auch nie. Erkundige dich mal, was in Serbien die Kinder in der Schule bezüglich der eigenen Geschichte lernen. Da braucht man sich nicht zu wundern... :(

grüsse

jürgen
 
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