Ein Sachse in Slawonien

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MATA

Guest
#1
Ich möchte Euch in der nächsten Zeit ein Projekt vom Herrn Guhl vorstellen der von Sachsen nach Slawonien zieht um hier sein Buch über seine Liebe zu Kroatien und Slawonien zu schreiben.

"Dirk Guhl wurde am 14. 04. 1973 in Burgstädt geboren.
Seit elf Jahren ist er verheiratet und lebt mit seiner
Frau Simone in einem kleinen Häuschen im
Burgstädter Stadtteil Herrenhaide.
Als gelernter Bankkaufmann war er fast 22 Jahre als
Filial- und Verkaufsleiter für mehrere Banken
und Finanzvertriebe tätig.
Jetzt gibt er seinen Traumberuf auf und damit
seinem bisherigen Leben eine völlig neue Richtung.
Er erfüllt sich seinen Lebenstraum und geht
(für immer?) nach Kroatien.
Er folgt seinem Schicksal nach Slavonien. In Kutjevo
wird er sich ein neues zu Hause einrichten und
seinen kroatischen Traum verwirklichen.
Als Autor schreibt er ein Buch über das Land seiner
Träume."
http://dirkguhl.com/

LG, Mata

 

l200auto

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#2
Na dann - alter Sachse - alles Gute.
Drücke Dir die Daumen das Du deinen Traum verwirklichen kannst.
Denn - wer kann das schon heut zu Tage noch von sich sagen.
Gut bezahlten Job sein lassen und mit Familie umsiedeln.
Ich bin Bj. 63 und werde wohl nie meine Träume verwirklichen können.
Aber darum sind es wohl Träume.
Als Sachse drücke ich Dir und deiner Familie die Daumen.8)
 
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MATA

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#3
Dirk hat am Gedenktag zum Fall Vukovars teilgenommen, hier seine eindrücke vom Geschehen in Vukovar:

Tradition – Gedenken – Protest?

VUKOVAR …EIN MYTHOS (Teil1)

Am 18.11.2013 jährte sich zum 22. Male der Fall der Stadt Vukovar. Grund genug für mich an diesem Tag nach Vukovar zu gehen und mich selbst davon zu überzeugen.
In Vukovar war ich schon einige Male. Die Stadt ist mir bekannt genauso wie die Geschichte der Stadt.

Jetzt, wo ich in Slawonien wohne und das Leben hier unmittelbar mitbekomme, werde ich am Jahrestag dorthin fahren, ganz unvoreingenommen, sofern das hier möglich ist und meine Liebe zu Kroatien es hergibt. Vukovar ist überall, ein Mythos den man hier in Kroatien immer und überall begegnet.

Was bedeutet den Kroaten dieser Tag

Im kroatischen Leben ist dieser Name immer präsent, an Brücken, Häusern, auf Fahnen selbst beim Fußball wird der Name der Stadt auf Transparenten gezeigt.
Was bedeutet den Kroaten dieser Tag? Was wird da passieren? Was erwarten die Kroaten von diesem Tag? Welche Bedeutung hat dieser Tag für das neue EU- Mitglied?
Kroatien hat andere Probleme im Land. Arbeitslosigkeit, kein Perspektive, besonders junge Leute verlassen das Land. Warum steckt man die Energie nicht in wichtigere Dinge? Ich bekomme mit, dass überall im Land Busse nach Vukovar fahren werden. Junge Leute. Diese haben zum größten Teil den Krieg, wenn überhaupt, als Kind erlebt. Warum sind sie so enthusiastisch? Unter welchem Einfluss stehen sie? Ich ziehe gedankliche Parallelen zum Krieg in Deutschland.


Aber warum werden die kommenden Generationen hier immer mehr in dieses Thema involviert? Ein Zitat eines jungen Kroaten macht mich nachdenklich:

-Wir Kroaten sind ein Volk wir halten uns nicht an die Vorschriften! Wir machen unsere eigenen Vorschriften!
Alles Fragen, auf die ich eine Antwort suche am 18.11. 2013 in Vukovar!

Zwei Tage vorher sitze ich im Rahmen eines Schlachtfestes mit ehemaligen kroatischen Majoren in der Nähe von Vinkovci zusammen. Wir unterhalten uns darüber. Keiner geht nach Vukovar. Sie haben Angst das etwas passiert!Ich frage nach was denn passieren sollte und ob schon etwas passiert war? Nein aber man hat Angst. 100.000 Leute sollen dorthin gehen! 26.000 Einwohner hat die Stadt.
Für viele dieser Generation ist das Thema vorbei. Die wollen ihre Ruhe haben. Sie sehen es auch als kritisch, dass die junge Generation wieder “radikalisiert” wird.
Also ich bin gespannt. Auch auf das offizielle Programm des kroatischen Staates.

Den Heldenfriedhof, das Mahnmal an der Drava und die Memorial Halle in Ovcara habe ich so oft gesehen. Mir ist Vukovar immer als wieder aufgebaute Stadt in guter Erinnerung. Modern und mehr Gäste als anderswo in Slavonien.

Irgend etwas erwarte ich

Ich habe in kroatischen Cafes gesessen und war in serbischen Bars. Überall wurde ich freundlich bedient. Als Gast spürt man sehr wenig den Zwist innerhalb der Bevölkerung.
Auch habe ich einige kroatische Freunde in Vukovar. Diese werde ich gleich mal an diesem Tag mit besuchen. Ich weiß nicht was, aber irgend etwas erwarte ich, irgend etwas wird an diesem Tag anders sein!


18.11.2013
Es ist 7.30 Uhr als ich mich von Kutjevo aus auf den Weg mache. Es ist frisch und ein grauer vernebelter Morgen.
Die knapp 100 km fahre ich durch Slawonien. Nichts deutet irgendwie daraufhin was mich dort erwartet. Erst 20 km vor Vukovar überholen mich 2 Kleinbusse mit Kriegsveteranen und zwei Reisebusse aus Dubrovnik.
Mehr ist nicht. Ich kann schwer glauben, dass über 100.000 Menschen heute die Stadt besuchen werden. Ein wenig bin ich enttäuscht. Speziell bei der Durchfahrt von Osijek hatte ich auf Hinweise oder Aktivitäten in großem Stile gehofft.
Ich frage mich, ob denn das Thema Vukovar gar nicht mehr so die Bedeutung hat in der Bevölkerung. Schließlich gibt es hier in Kroatien wichtigere Probleme für die Menschen….

Dann passiere ich ein kleines Denkmal kurz vor Vukovar. Und plötzlich Polizeitlicht. Ein kleine Gruppe von vielleicht 15 Mann marschiert beflaggt und mit Warnweste hinter einem Feuerwehrauto Richtung Vukovar.
Begleitet durch ein Polizeifahrzeug. Die Männer haben Spaß und trinken Bier. Mich erinnert das eher an einen Männertagsausflug in Deutschland.
Um 9.23 Uhr erreiche ich Vukovar. 10 Uhr ist Beginn der Veranstaltung. Ich sehe und spüre noch nichts. Nur Hinweise auf die Memorial Hall in Ovcara am Straßenrand.


Kroaten zeigen gerne die Flagge

Dort war ich schon oft. Aber heute erwarte ich irgend etwas besonderes. An den Häusern sehe ich die ersten kroatischen Fahnen. Sehr wenige für den heutigen Anlaß, obwohl die Kroaten bei der kleinsten Gelegenheit Flagge zeigen.

Ich halte dann am Panzerdenkmal von Vukovar. Ja hier ist endlich mal was los. Es haben sich ca. 300 Personen versammelt. Die Leute sind komplett in schwarz gekleidet, mit Sonnebrille und teilweise vermummt. Das Bild erinnert mich an die Ultraszene bei einem Fußballspiel in Deutschland.
Es gibt Fanshops. Ich kann Schals, T-Shirts, Mützen usw. kaufen mit dem Aufdruck “Vukovar 1991”. Das ganze wirkt auf mich eher gespenstig denn als Erinnerung an die Opfer von damals.
Ich fahre noch ein paar hundert Mete weiter und dann geht alles sehr schnell. Polizeisperre. Blaulicht und Militär überall. Die Polizei hat die Einweisung auf die Parkplätze nicht wirklich im Griff.
So kommt es zu lautstarken Auseinandersetzungen mit Besuchern. Ich bekomme erstmals ein Gefühl für das was hier passieren kann. Ich parke mein Auto als auch 3 km vor dem Zentrum ab und gehe mit Hunderten von Leuten gemeinsam zu Fuß in die Stadt.
Viele haben ein Fahne mitgebracht. Es sind die unterschiedlichsten Charaktere, Frauen mit Kind, Familien, Vereine. Alt und Jung beieinander. Es ist wie als gehe man zu einem Fußballspiel.


Menschen, Uniformen, Pflaggen…

Eine friedliche Atmosphäre. Am Straßenrand kann man sich zu Essen und zu trinken kaufen. Es gibt auch hier viele Stände an denen sich die Leute Kerzen, Schals, T-Shirts usw. kaufen.
Mir kommt das schon sehr kommerziell vor. Aber ich kaufe eine Kerze und eine Rose. Beides möchte ich am Ehrenfriedhof niederlegen.
Überall aus den Seitenstraßen kommen Menschengruppen. Busse werden ausgeleert. Es werden immer mehr. Sie kommen mit Fahnen und Spruchbändern. Viele tragen Uniformen der kroatischen Armee, andere haben Mützen aus Kriegszeiten auf. Männer und Frauen, selbst Kinder.
Junge und alte Leute. Die Farbe Schwarz dominiert. Die Bekleidung und das Auftreten einiger Gruppen hier wirkt schon sehr befremdlich. Irgendwie nicht zeitgemäß. Es ist eine bedrückende und für mich äußerst mseltsame Situation.
Ich spüre eine gewisse Spannung in der Luft. Ich kann nicht sagen, ob diese Leute hier sind um an die Opfer zu Gedenken, zu Protestieren oder einfach nur um an 1991 zu erinnern.


Ich gehe die restlichen Meter in die Stadt und ich stehe in Mitten von tausenden Leuten. Direkt vorm Krankenhaus. Einem der bekannten Schauplätze in Vukovar.
Die Menschen stehen dicht gedrängt in einer Schlange und lauschen vor einer Leinwand der Übertragung einer offiziellen Gedenkveranstaltung im Innenhof. Ich sehe mir das drinnen an: und bin beeindruckt!

Vor der Gedenktafel stehen 200 Kerzen als Erinnerung an die 200 Opfer von Ovčara. Auf eine Bühne sprechen ein paar anscheinend wichtige Leute. Viele Jugendliche hören hier zu. Auf mich wirkt das sehr nachdenklich. Ich fühle die Trauer. Es ist ein ehrliches und stilles Gedenken an die Opfer.

Der Zug der Massen

Draußen auf der Straße formiert sich indes der Zug der Massen. Viele Fahnen und Transparente. Aber besonders das Erscheinungsbild der Leute hier wirkt sehr gespenstisch.
Ich habe nicht den Eindruck, dass es hier zu Gewaltübergriffen kommt. Aber es erinnert mich schon etwas an Soldatenaufmärsche. Nicht nur im Erscheinungsbild der Personen sondern vielmehr aus den Gesichtern einiger Gruppierungen sprüht noch immer Hass.
Hass auf was kann ich nicht sagen. Aber man merkt deutlich dass für viele der Krieg noch immer ein entscheidender Punkt in den Köpfen ist. Ich laufe neben dem Zug her und mache mir so meine Gedanken.



Es ist kein offizieller Feiertag. Dennoch sind bestimmt fast 70.000 Leute hier (die angekündigten 100.000 waren etwas übertrieben). Am äußersten Ende von Kroatien versammeln sich alle um an die damaligen Ereignisse zu erinnern …
 

Andi Bolle

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#4
Danke, MATA, für diesen sehr objektiven Bericht zum Gedenktag in Vukovar.

Gruß,
Andi
 

Marius

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#5
Danke!
Ein wunderschoener Bericht, wohlformuliert und informativ, er macht einen Nachdenken.
Und das hin zu bekommen, nebenbei Stimmungen und Gefuehle zu transportieren, dabei auch noch parteilos und realistisch bleiben, das liebe/r Mata, das ist eine hohe Kunst, und diese beherrschst du zweifelsohne.

Hut ab!
 
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MATA

Guest
#6
Teil 2 des Berichts über Vukovar von Dirk:

VUKOVAR …EIN MYTHOS (Teil 2)


Mein Herz schlägt kroatisch

Warum ist das eigentlich dann kein offizieller Feiertag wenn vielen Leuten dieser Tag so wertvoll ist? Ich stelle mir auch die Frage, was wird hier am Tag danach sein?
Als der seltsame schweigende Zug die Innenstadt von Vukovar erreicht wird dem Betrachter erst so richtig bewusst, welche Menge von Menschen hier ist.
In den Cafes der Stadt ist kein Platz zu finden. Alles voll. Im Gegensatz zum Marsch herrscht hier freudige Stimmung. Man lacht hat Spaß und genießt den Tag auf seine Weise. Modernes Gedenken.
Ich verlasse den Zug und begebe mich zum Mahnmal mit dem Kreuz an der Donau. Hier wurden schon viele Kränze niedergelegt und Kerzen angezündet. Einige Menschen sind hier und gedenken friedlich der Opfer.
Hier steht das Gedenken und die Erinnerung im Vordergrund. Kein Hass und kein Protest. Ich gehe weiter durch die Stadt und beobachte den Marsch durch Vukovar.
Irgendwie ist der merklich kleiner geworden. Viele haben sich schon in die Cafes verzogen oder wohin auch immer. Auf jeden Fall hat sich nach 2 km der Charakter des Zuges komplett geändert. Jetzt ist er einfach nur ein friedlicher Marsch.
Es ist kein Hass mehr zu spüren. Viele Menschen haben Rosen und Kerzen in der Hand.
Söhne stützen ihre Väter beim gehen. Frauen Erinnern mit Bildern an ihre gestorbenen Männer. Man hat ein gemeinsames Ziel – den Friedhof vor den Toren der Stadt.
Auf den Weg dorthin tauchen auch erste Protestplakate auf die im weiteren Verlauf immer mehr werden. Jetzt ist es auch der von vielen erwartete Protestzug geworden. Man protestiert gegen die eigene Regierung!

Den Anhang 19394 betrachten

Es hat fast Volksfestcharakter

Am Wasserturm, dem international bekannten Wahrzeichen von Vukovar ist erstaunlicher Weise nichts los. Ein paar Leute lassen sich fotografieren. Hier hätte ich mehr erwartet.
Ich erweile hier kurz und gedenke. Dann reihe ich mich wieder in die Kolonne ein. Wer noch keine Kerze oder Rose hat kann sie überall am Straßenrand kaufen, genauso wie Schals und T-Shirts.
Es ist der komplette Kommerz. Junge Kroatinnen haben sich eine Fahne über die Schulter gelegt und lassen sich für 10 Kuna fotografieren. Überall gibt es Gelegenheiten zu essen und zu trinken.
Es gibt kostenlos Glühwein und Tee mit Rum. Es hat fast Volksfestcharakter. Die Leute trauern nicht mehr sondern sie Erinnern an die damaligen Ereignisse.
Auf dem Weg links und rechts stehen Kerzen. Alte Frauen beten und segnen den Zug. Hier fühle ich was den meisten Kroaten dieser Tag wirklich bedeutet: Gedenken an die Opfer! Viele hier haben hier persönliche Erinnerungen an gefallenen Familienangehörige.

Den Anhang 19395 betrachten

Schließlich erreiche ich den Friedhof. Ich gehe zu den Kreuzen. Ich stelle meine Kerze an ein freies Kreuz und lege meine rote Rose dazu. Es ist mein Rose und meine Kerze für Kroatien.

Den Anhang 19396 betrachten

Mein Herz schlägt kroatisch

Tränen in meinen Augen. In diesem Moment spüre ich es wieder – mein Herz schlägt kroatisch! Ich fühle mich als ein Teil dieses Landes. Minuten lang verharre ich so und denke an die letzten 33 Jahre.
In mir ziehen all die Bilder vorüber. Diese haben nichts mit dem Krieg in Vukovar zu tun. Ich denke an das Land Kroatien und seine lieben Menschen. Es ist mein persönliches stilles Gedenken an das Land meiner Träume, dem ich mein Leben verdanke und das im Schicksal von Slawonien enden wird.
In diesem Moment fließen meine Tränen besonders stark- denn ich denke an Anči!
Die Sonne scheint. Es ist ein besonders ergreifender Anblick. Viele sitzen und reden auf den Gräbern. Lassen sich vor den Kreuzen fotografieren. Jeder hat seine persönlichen Erinnerungen und Rituale.
Es ist einfach toll was sich hier abspielt. Der Protest und die Trauer ist gewichen. Ich habe den Eindruck viele sind stolz hier zu sein.
Auf einer Bühne findet ein Gottesdienst statt. Ich entscheide mich zur Kranzniederlegung zu gehen. Minister, Präsidenten usw. alle sind da.

Auch Ante Gotovina.
da kommt endlich mal ein bisschen Bewegung und Emotion in die Massen.
-Generale, Generale… rufen einige. Ich hatte auch erwartet, dass er kommt. Für viele kam es aber eher überraschend. Nach einer Stunde verlasse ich den Friedhof und gehe zurück in die Stadt.
Nichts ist mehr abgesperrt. Überall am Rand liegt der Müll. Die Kerzen und alles liegt da so da. Ich denke mir morgen wird das weggekehrt und es ist nichts weiter gewesen.
Bis nächstes Jahr wenn der Mythos Vukovar wieder inszeniert wird.

Nachmittag erreiche ich die Stadt und es herrscht gute Stimmung in den völlig überfüllten Cafes. Nichts erinnert mehr an die Veranstaltung von heute früh. Selbst am Krankenhaus ist alles wieder abgebaut. Es herrscht Normalzustand.

Ansonsten bleibt es friedlich

Lediglich ein paar betrunkene unverbesserliche singen in einem Restaurant alte fremdenfeindliche Lieder. Ansonsten bleibt es friedlich.
Jetzt feiern die Einwohner der Stadt “ihren” Tag. Und ich finde zurecht! Ich denke die Erinnerung muss gepflegt werden. Es ist wichtig diese aufrecht zu erhalten. Aber ich glaube auch, dass in einem vereinten Europa irgendwann in ein paar Jahren hier auch keine EU -Außengrenze mehr sein wird sondern wir uns mitten in Europa befinden zu dem auch der Nachbar Serbien gehört.
Den Anhang 19397 betrachten
Ich habe mich den ganzen Tag gefragt wo denn die immerhin 35% Serben, die in Vukovar leben sind …was die heute machen und was die denken. Ich habe auf vielen Plakaten und in Gesprächen ohnehin erfahren, dass die Serben nicht das Problem hier sind sondern vielmehr die Spaltung der kroatischen Nation. Die Unzufriedenheit mit der eigenen Regierung und der eigenen Situation.
Den Anhang 19398 betrachten
an dieser Stelle möchte ich ein Zitat eines kroatischen Mannes anfügen, welches er mir mangels Sprachkenntnisse beiderseits so in mein i Pad geschrieben hat:

-na vlasti su ljevičari koji zastupaju manjinska prava, srpska i njihovu ćirilicu, to nikako ne odgovara opoziciji i desničarima … isti ti se služe narodom i nacionalizmom za svoje ciljeve… ja osobno ne idem tamo jer sam svoj doprinos dao u ratu a politika me ne zanima i smeta mi podjela među Hrvatima, nisu problem Srbi nego mi sami sa sobom nismo jos riješili stare dugove…

Mein Fazit des Tages:

Es war faszinierend was ich erlebt habe. Ich bin stolz darauf das einmal miterlebt zu haben, ein Teil dieser Nation zu sein.
Ich habe einen Eindruck bekommen, was dem kroatischen Volk dieser Tag bedeutet. Ich war Zeuge einer stillen Trauer und ehrlichen Gedenkens. Ich habe viele unterschiedliche Menschen gesehen, genauso unterschiedlich wie die Motive an diesem Marsch teilzunehmen.
Ich habe viele bewegende Momente erlebt, die ich in mir behalten werde.

Es ist nicht das gewesen, was ich mir vorgestellt habe

Aber es ist auch nicht das gewesen, was ich mir vorgestellt habe oder was man aufgrund medialer Vorberichterstattung erwarten konnte. Zum Glück blieben Gewaltaktionen aus.
Von den (PR mäßig) angekündigten 100.000 Leuten waren seriös gesagt vielleicht max. 60.000 da. Es gab auch nicht die befürchteten Ausschreitungen, die viele erwartet hatten aufgrund des Problems mit den kyrillischen Amtsschildern oder dem anstehenden Referendum.
Es waren einige bewegende Stunden über die im Vorfeld viel diskutiert wurde. Ich habe den ehrlichen Eindruck, dass vielen Kroaten die eigentlichen Probleme im Land wichtiger sind.
Wenn alle die, die nach Vukovar gefahren sind diese gemeinsam anpacken kann viel verbessert werden im Land. Ich habe ferner den Eindruck gewonnen, dass aufgrund der vielen Jahre sich die Tradition des Marsches stark abgenutzt hat.
Zuviel Kommerz ist darum entstanden. Das ehrlichste Gedenken an die Opfer war auf dem Friedhof an sich. Der gespenstische Zug und die in Armee-Look gekleideten Leute sind sicher eine Tradition, aber nicht mehr zeitgemäß.
Ganz zu schweigen von den Kosten die der finanziell angeschlagene kroatische Staat jedes Jahr dafür übernehmen muss.
In besonderer Erinnerung ist mir die Mehrheit der Leute geblieben, die still und ehrlich am Friedhof der Opfer gedacht haben und danach in den Cafes “ihren Tag und ihre Stadt Vukovar” gefeiert haben.
Ich glaube damit haben sich viele Kroaten selbst die Antwort gegeben auf die Frage welche Bedeutung in der Zukunft dieser Tag in einem vereinten Europa haben wird.
Den Anhang 19399 betrachten
 
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MATA

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#7
Erwacht in der realität…

…oder nur ein schlechter Traum?

Mit dieser Frage beschäftige ich mich seit dem Simone mich nach über zwei Monaten zum Jahreswechsel hier in Slawonien besucht hat.
Heute ist sie zurück nach Deutschland gefahren aber nicht ohne mir vorher noch einmal den Spiegel vorzuhalten – und das Ergebnis ist ziemlich ernüchternd! Habe ich mich denn in dieser kurzen Zeit so sehr verändert? Ja es stimmt, gut fühle ich mich in der Tat zur Zeit nicht.
Aber ist es wirklich so schlimm? Ich frage mich ernsthaft ob ich jetzt in der Realität angekommen bin oder ob ich alles nur träume. Ich hoffe nur auf einen Traum, schließlich habe ich die rosarote Brille noch immer auf durch die ich dieses Land und seine besonders lieben und fantastischen Menschen sehe. Aber es kommt mir dennoch so vor, als ob ich mit dieser Meinung Tag für Tag immer mehr alleine da stehe....
Den Anhang 19646 betrachten

Alles begann am 27. Dezember am Bahnhof “Glavni Kolodvor“ in Zagreb. Ich habe Simone vom Zug abgeholt. Selbstverständlich mit roten Rosen wie es sich für einen Mann gehört und wie es Simone verdient hat. In diesem Moment war ich echt glücklich und voller Hoffnung. Und ich war wirklich froh Simone in die Arme zu nehmen.
Simone hat das später so kommentiert: -Du hast am Zug in Zagreb gestanden als wartest du auf jemanden, der dir etwas Kultur und Geborgenheit zurück bringt, so hoffnungsvoll standst du da als ich kam. Ich war für dich wie ein kleines Licht im Dunkel. Es war als treffen zwei Welten aufeinander.
Den Anhang 19647 betrachten

Hat mich die Realität eingeholt?

Ich weiß es nicht. Ich hoffe nicht! Doch Simone hat in den gemeinsamen Tagen mit mir hier zusammen in Slawonien genau gemerkt, das und wie ich mich verändert habe. Und nach fast 12 Jahren Ehe weiß ich ihre Einschätzung zu deuten auch wenn ich es nicht wahrhaben will:
-Du wirkst planlos, demotiviert und desillusioniert. “Lebst”, wenn man das so sagen darf, vor dich hin, bist lethargisch, hast deinen dir eigenen Ordnungssinn verloren, du hast keinen Rhythmus und kein Zeitgefühl mehr. Dein kompletter Lebensfrohsinn ist dir verloren gegangen, deine Lebensqualität ist komplett weg. Deine berühmte Spontanität ist auch weg. Du bist wie ein Tier im Winterschlaf. Du bist in einem seelischen Ungleichgewicht. DU BIST ENTTÄUSCHT!!!
Ich geniesse die wenigen Tage hier mit Simone. Wir unternehmen soviel wie möglich und soviel wie und was hier überhaupt machbar ist. In Osijek sagte Simone zu mir: -Die Realität hat dich eingeholt aber wenigstens kannst du noch lachen wenn ich bei dir bin!
Silvester feierten wir auf der Brücke in Osijek. Dieser für mich so schicksalhafte Jahreswechsel hat aber immerhin interessante Erkenntnisse und Einsichten gebracht.
Simone gab mir um 0 Uhr ein paar wertvolle Ratschläge:
-Das Land ist groß, du kannst nicht immer nur in Slawonien so weiter machen, so eine Unkultur hier! Stell´ dir das wie eine Wasserflasche vor die du austrinkst. Wenn sie alle ist und du Durst hast musst du zur neuen Quelle gehen! Ich weiß du fährst, aber du fährst wie in einer Einbahnstraβe – erst wenn du wendest wirst es interessant!
Heute habe ich Simone zum Bahnhof nach Zagreb gebracht. Sie fährt zurück nach Deutschland. Nach Slawonien wird sie nie mehr kommen.
Auch sie ist enttäuscht:
-Ich habe gehofft du steckst mich mit deiner Liebe zu Slawonien an aber das hier ist ja schlimm!
Zum Abschied fragte mich Simone noch einmal:
-Du bist enttäuscht hier, oder?
Ich antworte: -Samo malo!
Darauf Simone:
-Du bist ein Mann, du sagst es nicht aber wir Frauen spüren das und ich sehe dein Herz!
Ja, ich bin enttäuscht, genau wie Simone. Aber nicht von dem Land hier, nicht von Slawonien. Auch nicht von den Menschen im allgemeinen hier.
Ich bin so sehr und so tief im Herzen enttäuscht von denjenigen Leuten hier, die für uns seit 2008 alles bedeuten. Diejenigen, die wir immer im Herzen haben, die ein Stück weit unser Leben gworden sind. Für die wir alles geben würden und für die wir in den letzten Jahren alles getan haben. Die Leute, die für uns mit die wertvollsten Freunde waren, denen wir vertrauen. In diese Leute hatten wir all unsere Hoffnung auf Unterstützung gesetzt… und sind so enttäuscht worden nach all dem was in den letzten Jahren passiert ist.
Das tut besonders mir im Herzen so unheimlich weh. Das ist die größte menschliche Enttäuschung hier und deshalb bin ich so unglücklich in Slawonien.
Nein, ich gebe nicht auf, ich werde in Slawonien bleiben. Ich kämpfe hier um ein gutes Ende, auch wenn die Zeit gegen mich spielt. Ich reiche immer und jedem die Hand. Es ist bezogen auf mein Buch, der Weg (m)einer Liebe und es ist „ Mein Schicksal Slawonien“.
 

Andi Bolle

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#8
Hallo Mata, was du schreibst ist intensiv und bedrückend. Aber ich gestehe, dass ich es nicht wirklich verstehe.
Ich kenne deine Lebensumstände nicht.
Warum bist du enttäuscht und von wem?? Was ist passiert?

Antworte nicht, wenn die Frage zu privat ist.

Gruß,
Andi
 
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