Unsichtbares Zagreb

Dieses Thema im Forum "Zagreb" wurde erstellt von Suncokret, 23. Juli 2018.

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  1. Suncokret
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    Suncokret erfahrenes Mitglied

    Für Besucher, die in Zagreb schon "alles" gesehen haben:
    "Invisible Zagreb" ist eine etwa eineinhalbstündige Stadtführung der anderen Art. Mitglieder des Vereins Fajter (von engl.: "Fighter") zeigen die Situation von Obdachlosen in Zagreb. Die Tour beginnt Montags, Mittwochs und am Wochenende jeweils um 18.00 Uhr am König-Tomislav-Denkmal vor dem Zagreber Hauptbahnhof, in kroatischer und englischer Sprache. Es gibt keinen festen Preis, am Ende der Tour werden freiwillige Spenden gesammelt. Ich war mit einer Gruppe dort, für die nach Absprache auch eine deutsche Übersetzung angeboten wurde.

    Mile2018.jpg
    Mile war selbst dreieinhalb Jahre obdachlos, engagiert sich jetzt als "fajter" ("Kämpfer im Herzen, um Trauer, Schmerz, Vorurteile und Hass zu überwinden") bei den Führungen und bei der Resozialisierung von jungen Obdachlosen in Zagreb.

    ZagrebBahnhof2018.jpg Wer auf dem Zagreber Hauptbahnhof ankommt, sieht dieses Gebäude, in dem einer von vielen Obdachlosen "wohnt".

    mehr: https://www.facebook.com/InvisibleZagreb
    und: https://www.facebook.com/udrugafajter/
     
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  2. claus-juergen
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    claus-juergen Forum-Guide Mitarbeiter

    Hallo Suncokret,

    Somit ist Zagreb wohl eine Hauptstadt wie alle anderen auch in Europa. Hast du Zahlen, ob die Obdachlosigkeit signifikant höher oder niedriger ist wie hierzulande?

    Grüße

    Jürgen
     
  3. Suncokret
    Offline

    Suncokret erfahrenes Mitglied

    Nein, Zahlen gibt es nicht. Die Obdachlosen in Zagreb haben keine Personalausweise, weil man dazu einen Wohnsitz braucht (bei uns in D gibt es die Angabe: "ohne festen Wohnsitz"). Offiziell gibt es daher in Kroatien keine Wohnsitzlosen. Eine Übernachtung in einem z.B. kirchlichen Wohnheim ist nur möglich, wenn man sich ausweisen kann.
    Aber es gibt mehr als 7.000 "verlassene" Räume oder Häuser (natürlich nicht alle in Zagreb). Unter den Obdachlosen sind nur wenige Frauen, meist solche mit erheblichen psychischen Problemen. Für Opfer häuslicher Gewalt gibt es an manchen Orten Frauenhäuser. Die meisten anderen schlagen sich mit Pflege- und Putzarbeiten durch und finden dort leichter auch eine Mitwohnmöglichkeit. In den "verlassenen Häusern" sind sie nicht sicher genug. Auch deren männliche Bewohner fürchten die Angriffe von Skins und Junkies.
     
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  4. claus-juergen
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    claus-juergen Forum-Guide Mitarbeiter

    hallo Suncokret,

    gibt es in Kroatien also keine Ausweispflicht wie hierzulande? In Deutschland und den anderen EU-Staaten, zumindest denjenigen, die ich kenne, muß jeder einen gültigen Personalausweis, alternativ einen Reisepaß besitzen, wenn auch nicht unbedingt mitführen.

    Wie kann dann in Kroatien überhaupt festgestellt werden um wen es sich bei der betreffenden Person handelt? Ich nehme mal an, daß die Obdachlosen folglich auch kein Bankkonto haben oder auch keine Krankenversicherung. Auf irgendeine Weise muß doch zweifelsfrei die Identität festgestellt werden. Was ist, wenn der Obdachlose straffällig wird? Nennt er der Polizei dann irgendeinen Namen und das wird akzeptiert? Das kann doch nicht sein.

    Auch finde ich es befremdlich, wenn selbst in kirchlichen Heimen ein Obdachloser ohne Ausweis nicht unterkommt. Auch das ist in Deutschland anders.

    grüsse

    jürgen
     
  5. Suncokret
    Offline

    Suncokret erfahrenes Mitglied

    Auch in Kroatien gibt es wie in anderen Ländern Menschen "ohne Papiere". Natürlich haben sie auch keine Krankenversicherung, medizinische Hilfe nur als "Hitna pomoc" im akuten Notfall.

    Straffällig sind sie ständig, schon das Stadtstreicher-Sein ist eine Straftat. Sie würden gerne mal einen oder zwei Tage in's Gefängnis gehen - dort könnten sie duschen, essen, trocken übernachten. Aber die Polizei vertreibt sie nur oder steckt sie in die Psychiatrie, was angeblich billiger ist als das Gefängnis.

    Zur Kirche: der tief gläubige Mile erzählte, dass er, weil er keine ausreichenden Hygienemöglichkeiten hatte und entsprechend roch, nicht mal zum Gottesdienst zugelassen wurde.

    Wenn ein Obdachloser stirbt, werde die Leiche verbrannt und die Asche als Müll entsorgt. Für Tiere gebe es einen Friedhof.
     
  6. Marius
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    Marius Forums-Philantrop

    Naja, obdachlos wird man ja gemeinhin nicht geboren, d.h. wenn man kein illegaler Einwanderer ist, hat man natürlich auch einen Namen, der von der Polizei überprüft werden kann.

    Soweit mir bekannt ist, kann man aber auch ohne Wohnsitz in Kroatien einen Personalausweis beantragen. Falls ihr wollt, kann ich mal bei meiner Bekannten im Meldeamt Pula nachfragen, wie das genau bei Obdachlosen ist. Mir kommt das jedenfalls seltsam vor, dass man als Staatsbürger keine Ausweispapiere beantragen kann. Das klingt mir nach einer Fehlinformation oder nach einem Missverständnis.
     
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  7. Marius
    Offline

    Marius Forums-Philantrop

    Aber die Führung "unsichtbares Zagreb" finde ich sehr interessant, würde ich gerne mitmachen.
     
  8. Suncokret
    Offline

    Suncokret erfahrenes Mitglied

    Ja, frag' dort bitte mal nach. Wenn es eine Fehlinformation ist, würde ich die bei den fajters gerne richtigstellen.
     
  9. ELMA
    Online

    ELMA aktives Mitglied

    Suncokret - Du hast geschrieben
    Wie in anderen Ländern, auch in A, auch in D, gibt es solche, die keine "Staatsbürger" sind.
    Sind es vor allem solche Menschen, von denen Du schreibst?

    Wie geht man mit diesen Menschen um - in A, in D, in HR.....??

    Mach das, Marius!!
    Es würde mich sehr interessieren, was Du dort erlebst und wie Du es erlebst.
     
  10. claus-juergen
    Online

    claus-juergen Forum-Guide Mitarbeiter

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  11. Marius
    Offline

    Marius Forums-Philantrop

    Auch Österreich, den Begriff „staatenlos“ kannte ich schon als kleiner Bub, einer meiner Fußballkameraden war staatenlos, so wie seine gesamte Familie.

    Jetzt muss ich den direkt mal googeln, würde mich interessieren, was aus ihm geworden ist, dem Wunderkind, das mir damals Maschinensprache beibrachte.
     
  12. Suncokret
    Offline

    Suncokret erfahrenes Mitglied

    Hab' selbst mal nachrecherchiert:
    http://www.erstestiftung.org/de/ein-dach-ueber-dem-kopf/ (der ganze Artikel ist lesenswert)
    "Bis 2012 konnten obdachlose Personen keinen Personalausweis bekommen, weil sie nach dem damaligen Meldegesetz einen gemeldeten Wohnsitz nachweisen mussten, den Obdachlose (ganz offensichtlich) nicht haben. Durch das neue Gesetz (NN 144/12) wurde dies geändert und sie können sich nun an den Adressen der Obdachlosenunterkünfte und ähnlicher Einrichtungen anmelden, doch stoßen sie nichtsdestotrotz immer noch auf viele Hürden. Wenn es bei der Anmeldung eines Wohnsitzes Probleme gibt, „können sie keine Personaldokumente erhalten, haben keinen Anspruch auf eine Krankenversicherung, können sich nicht beim Arbeitsamt anmelden und auch all die anderen ihnen zustehenden Rechte nicht geltend machen“, unterstreicht Prof. Družić Ljubotina."

    weitere Hintergrundlektüre: https://www.br.de/br-fernsehen/sendungen/alpen-donau-adria/tv-kroatien-obdachlose-100.html
    Und hier über ein Projekt in Rijeka: http://www.hrvatskiglas-berlin.com/?p=130718
     
  13. Suncokret
    Offline

    Suncokret erfahrenes Mitglied

    Ich weiß nicht, wie der "Staatsangehörigkeitsstatus" der Obdachlosen in Zagreb ist. Einige sind Staatsangehörige von Nachbarländern, leben aber nicht "legal" in HR. Andere sind psychisch so gestört, dass sie es nicht hinbekommen, einen Ausweis zu beantragen.

    Zum Umgang mit Staatenlosen in D: hier auf die Schnelle gefunden: https://www.deutschlandfunkkultur.d...utschland.1076.de.html?dram:article_id=345518
     

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